15. Januar 2021

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Auf dem Weg zum Titel? Leverkusens Reservoir groß wie nie

Bayer Leverkusens Leon Bailey jubelt nach seinem Tor zum 1:0. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Ina Fassbender/AFP/Pool/dpa)
Die Umstände waren widrig, doch Bayer Leverkusen trotzte ihnen wieder mal und zeigte beim 4:0 gegen Slavia Prag starken Fußball. Das Talent-Reservoir der Werkself scheint riesig. Und so stellt sich die Frage: Ist Bayer endlich reif für den ersten Titel seit 1993?

Eigentlich war das Team von Bayer Leverkusen ein personeller Flicken-Teppich. Florian Wirtz fehlte wegen einer Klausur, Kerem Demirbay wegen eines positiven Corona-Tests, acht weitere Kollegen waren aus den verschiedensten Gründen ebenfalls nicht dabei.

Mit Julian Baumgartlinger führte der fünfte Kapitän das Team aufs Feld, der Ersatzkeeper spielte zum ersten Mal seit acht Jahren und am Ende standen drei U19-Spieler auf dem Feld. Doch all das konnte Bayer nicht stoppen. Im Gegenteil: Durch das 4:0 (2:0) gegen Slavia Prag sicherte sich die Werkself den Gruppensieg und stellte mit 21 Treffern einen deutschen Tor-Rekord in der Europa League auf.

Schon im Vorjahr schien Bayer auf dem Weg, das lange Warten auf einen Titel nach 27 Jahren zu beenden. Doch am Ende ging die Luft aus. Aus im Europa-League-Viertelfinale, Niederlage im Pokal-Finale, nur Rang fünf in der Liga. Diesmal wirken die Rheinländer deutlich reifer und zielstrebiger. Mit großem Glauben an die eigene Stärke. Und vor allem mit einem schier unerschöpflichen Reservoir an Talenten.

«Wir wollen dieses Jahr große Dinge schaffen», sagte der zweifache Torschütze Leon Bailey (8./32.). Der Jamaikaner war einer der Stammspieler, die am Donnerstag gegen den tschechischen Meister dabei waren – aber nur eine Halbzeit. Er betrieb Jobsharing mit Moussa Diaby, der das 3:0 erzielte (59.) und das 4:0 durch Karim Bellarabi vorbereitete (90.+1). Die beiden wirbelten auf der linken Offensivseite so stark, dass Slavia-Trainer Jindrich Trpisovsky sein Rechtsverteidiger Lukas Masopust leid tat. «Er musste so viel laufen», sagte der Coach: «Ich glaube, er wird heute viel schlafen.»

Sein Leverkusener Kollege Peter Bosz war natürlich hochzufrieden. Und wollte den deutlichen Sieg auch nicht auf die vermeintliche Schwäche des Gegners schieben. «Ich glaube, wir dürfen sagen, dass wir es selbst gut gemacht haben», sagte der Niederländer.

Und wenn dies selbst unter solchen Voraussetzungen gelingt, scheint es für diese Mannschaft wenige Limits zu geben. In der Europa League schossen sich die Leverkusener mit der besten Offensive aller 48 Teilnehmer gleich wieder in eine Favoritenrolle, im Pokal haben sie Heimrecht gegen Eintracht Frankfurt und in der Liga ist Bayer derzeit Zweiter mit einem Punkt hinter dem FC Bayern München.

Am Donnerstag gab es jedenfalls fast nur glückliche Gesichter. So Torhüter Niklas Lomb, der acht Jahre nach seinem ersten Profi-Spiel für Bayer sein zweites bestritt, ohne Gegentor blieb und sagte: «Es war geil, ich habe es genossen.» Oder die drei Youngster Emrehan Gedikli (17), Samed Onur und Cem Türkmen (beide 18), die zeitgleich auf dem Platz standen und ein Sonderlob von Bosz bekamen: «Sie haben alle drei gezeigt, dass sie super Spieler sind.»

Einen Wermutstropfen gab es nur für Daley Sinkgraven. Der Linksverteidiger half als Achter aus und machte ein überragendes Spiel, bekam aber ein reguläres Tor wegen angeblicher Abseitsstellung aberkannt. «Das wäre mein erstes Europacup-Tor gewesen», sagte der 25-Jährige: «Deshalb bin ich schon ein bisschen enttäuscht.»

Von Holger Schmidt, dpa